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Putsch

Man stelle sich vor: Ein Putsch in der Schweiz; das Zürcher Rathaus, die Hauptsitze der Grossbanken und das Café Sprüngli in der Hand der Putschisten ... Ein Szenario so undenkbar wie nur irgendeines, aber Spass beiseite: Weder das alte Athen noch das alte Rom, weder Lateinamerika noch Schwarzafrika, sondern ausgerechnet die politisch so ruhige Schweiz ist das Ursprungsland des "Putsches". Wie die luftigen "Luxemburgerli" kommt der knallharte "Putsch" aus Zürich, freilich aus einer Zeit, da es in der Limmatstadt noch turbulenter als heute zu und her ging.

Am Anfang steht ein "Stoss" oder ein "Schlag", den die sogenannte Lautmalerei oder eher Lautkleckserei wie anderswo als "Puff" oder "Patsch", so im Zürcher Dialekt als "Putsch" auf die Leinwand gemalt oder eben gekleckst hat. Bezeugt ist das Wort seit dem 15. und 16. Jahrhundert, und noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts kann Jeremias Gotthelf schreiben: "Keck bewegte sich das Stubenmädchen im Getümmel; man sah, dass es ihm auf einige Putsche mehr oder weniger nicht ankam." Nicht eigentlich Sprachverwandte, sondern eher Lautverwandte hat der "Putsch" und das "Putschen" zunächst etwa im "Patschen" und "Panschen", dann auch im "Matschen" und "Manschen", im "Platschen" und "Planschen".

Schon vor der Mitte des 19. Jahrhunderts, in den politischen Unruhen und Umstürzen jener turbulenten dreissiger Jahre, war das Wort von dem Getümmel, in dem Gotthelfs Stubenmädchen sich da so unbekümmert um alle Putsche und Püffe bewegt, auf das wirkliche politische Getümmel in der Eidgenossenschaft übergesprungen. Zumal der gewaltsame, erfolgreiche Aufstand der Zürcher Konservativen gegen die liberale Staatsregierung im Jahre 1839 ist als der sogenannte "Zürichputsch" in die Schweizer Geschichte eingegangen. Ein Chronist nicht der Zürcher, sondern der Basler Mundart notiert dazu: "Das Wort 'Putsch' stammt aus der guten Stadt Zürich, wo man einen plötzlichen vorübergehenden Regenguss einen 'Putsch' nennt und demgemäss die eifersüchtigen Nachbarstädte jede närrische Gemütsbewegung, Begeisterung, Zornigkeit, Laune oder Mode der Zürcher einen 'Zürichputsch' nennen. Da nun die Zürcher die ersten waren, die geputscht, so blieb der Name für alle jene Bewegungen ..."

Ein Zürcher war es denn auch, Gottfried Keller, der das lautmalende Wort in dieser Bedeutung eines politischen "Stosses" oder "Schlages" aus der Alltagssprache in die Literatur aufgenommen hat. In seinem "Grünen Heinrich" erinnert sich der Erzähler an seine Rückkehr über den Rhein in die Zürcher Heimat: "Beim schönsten Frühlingswetter sah ich Strassen und Wirtshäuser angefüllt und hörte das zornige Geschrei über gelungene oder misslungene Gewalttat. Man lebte mitten in der Reihe von blutigen oder trockenen Umwälzungen, Wahlbewegungen und Verfassungsänderungen, die man 'Putsche' nannte ..."

Der "Putsch" im Sinne eines gewaltsamen Umsturzes - oder doch des Versuches - ist damals in das politische Vokabular eingegangen, und er selbst, das "Putschen" und die "Putschisten" sind darin verblieben. Dagegen hat das "Aufputschen" im entsprechenden Sinne des Aufhetzens und Aufwiegelns in jüngster Zeit nochmals einen tüchtigen Putsch im ursprünglichen Sinne des "Stosses" bekommen, der das Wort von der politischen Szene hinüber in die Drogenszene und weiter in die Dopingszene verschlagen hat. Seither sprechen wir auch von einem psychischen und physischen "Sich-Aufputschen" und entsprechenden "Aufputschmitteln", und in diesem reflexiven Gebrauch ist das Wort hüben in die Party- und Diskoszene, drüben in die Dopingszene abgerutscht.

Für die lautmalende Sprache ist zwischen einem "Patsch" und einem "Putsch" zu Lande so wenig Unterschied wie zwischen einem "Plitsch" und einem "Platsch" im Wasser. Wer will denn schon jeweils so genau gehört haben, ob es da gerade "Patsch" oder "Putsch", "Plitsch" oder "Platsch" gemacht hat? Aber da scheiden sich die Wege der Wörter: Aus dem einen wird am Ende der harmlose "Patsch" eines Dreijährigen mit dem Patschhändchen in die Luxemburgerli, aus dem anderen die "blutige oder trockene Umwälzung" eines politischen "Putsches".

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster