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Seminar

Verkehrte Welt: Junge Studenten, die einmal grosse Dozenten werden wollen, gehen ins Saatbeet, ins "Seminar"; junge Bäume, die einmal grosse Bäume werden sollen, gehen in die Schule, in die "Baumschule". Da ist das eine Bild aus dem Garten in die Schule und das andere aus der Schule in den Garten hinübergesprungen, und wenn sie einander dabei begegnet sind, so haben sie dabei wohl ein augenzwinkerndes Augurenlächeln gewechselt.

Das lateinische seminarium und unser deutsches "Saatbeet" - der Anlaut bezeugt es noch - sind aus der gleichen indoeuropäischen Wörter-Anzucht hervorgegangen. Der eine Setzling, der in latinischen, lateinischen Boden kam, hat sich da zu dem Verb serere, "säen", entwickelt und weiter mit dem verdinglichenden Schwanzstück -men zu dem Substantiv semen, "Same", verbunden, und damit ist zugleich auch schon gesagt, was aus dem anderen Setzling auf germanischem, deutschem Boden geworden ist - die beiden sind sich noch ziemlich ähnlich geblieben.

Aber Wörter treiben, wie die Pflanzen, immer neue Sprosse, und so sind aus diesem semen, diesem "Samen" oder "Setzling", und dem anderen Schwanzstück -arius dann noch das Adjektiv seminarius und das Substantiv seminarium hervorgegangen. Beide begegnen bereits im 2. Jahrhundert v. Chr. bei dem alten Cato, in seiner praktischen Anleitung zur Bewirtschaftung eines Landguts; da ist die Rede von Drei-Fuss-grossen Oelbaumsetzlingen, "die du in eine Pflanzgrube einsetzen willst", und Ein-Fuss-grossen Setzlingen, "die du in ein seminarium, in ein Saatbeet einsetzen willst". Schon vor diesem ersten Beleg scheint sich die Bedeutung des Wortes auf die Aufzucht junger Bäume, mit unserem Wort: auf die "Baumschule", eingeengt zu haben.

Ein Jahrhundert später wird dieses seminarium zum einprägsamen Bild. In seiner zweiten Rede gegen Catilina prophezeit Cicero dem römischen Volk, die ausschweifende, verweichlichte Party-Szene um diesen Staatsfeind Nr. 1 - "diese Bande von Lüstlingen und Wüstlingen" - werde einmal, wenn sie nicht sogleich radikal ausgerissen und ausgerottet werde, zu einem üblen "seminarium Catilinarum", einer üblen "Pflanzschule neuer Catilinas" werden. Da sehen wir sie vor uns: diese schlaffen Setzlinge, die hier unversehens zu strammen Jungbäumen heranzuwachsen drohen ...

Wir würden da wohl eher von einer üblen "Brutstätte" sprechen. Doch nicht durchweg hat dieses seminarium so schlechten Klang: In seiner späten philosophischen Schrift "Ueber die Pflichten" nennt Cicero die häusliche Gemeinschaft von Ehe und Familie einmal "gleichsam das seminarium" des Staates, und sein gelehrter Zeitgenosse Varro, auch er ja wie Cato ein Fachautor der Landwirtschaft, spricht in seinen poetischen Fragmenten einmal vom Wein als dem "dulce seminarium", der "geliebten Pflanzschule" unbeschwerter Heiterkeit.

In der frühen Neuzeit ist das Wort ins Deutsche herübergekommen, und da hat sich die Bedeutung dieses "Seminars" dann vollends von der verderbten, verderblichen "Brutstätte" zur hegenden, pflegenden "Pflanzschule" verschoben. Das "Priesterseminar" und das "Predigerseminar" erinnern noch an diese frühen Saatbeete für geistliche Setzlinge. Und da erklärt sich zu guter Letzt das Bäumchen-wechsle-dich-Spiel der Bilder: Nachdem das Bild dieses seminarium zuerst vom Garten auf die Schule, auf die Priester-"Seminare", übergesprungen war, konnte es danach umso leichter wieder von der Schule auf den Garten, auf die "Baumschule", überspringen: Ein Lehrer und ein Gärtner sind so weit ja nicht voneinander.

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster