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Serum

Stichwort "Serum": Da kommen wir nicht an der delikaten Anekdote vorbei, die der Arzt und Essayist Carl Ludwig Schleich, der Erfinder der Infiltrationsanästhesie, in seinen Lebenserinnerungen "Besonnte Vergangenheit" von seinem berühmten Berliner Kollegen Rudolf Virchow überliefert:

"Sein Aufsatz 'Ueber Barbarismen in der Medizin' allein beweist, wie peinlich scharf er Sprachwurzeln nachspürte und bis in den Tod Verbindungen von lateinischen mit griechischen Lehnsgliedern hasste ... Einmal aber irrte sich der grosse Wortanalytiker selbst sehr verblüffend. Er liess einen älteren Arzt durch das Kreisphysikusexamen fallen, weil er nicht wusste, woher das Wort 'Serum' (in 'Blutserum') komme. Bei einem Fakultätsdiner von seinem Kollegen v. Bardeleben interpelliert, wie er seinen Neffen deshalb 'rasseln' lassen könne, nannte Virchow obigen Grund. Worauf Rundfrage am Tisch. Keiner der anwesenden Koryphäen wusste die Ableitung des Wortes. Worauf Virchow überlegen lächelnd erklärte: 'Das kommt von serus, sera, serum - klar!' Inzwischen war der sogenannte Knochen-Wegner, sein erster Assistent, ein derber Grobian, an das Konversationslexikon gegangen, kam zurück und sagte scharf: 'Das ist falsch. «Serum» ist griechischen Ursprungs und kommt von tó sérron = «die Blutflüssigkeit»!' Staunen - und Virchow sass selbst in der philologischen Mausefalle ..."

Die Anekdote ist bis dahin ja schon hübsch genug, aber sie wird danach noch hübscher. Denn ein griechisches Substantiv sérron und gar eines mit der Bedeutung "Blutflüssigkeit", wie Virchows Assistent es da im Lexikon gefunden haben wollte, steht wie Christian Morgensterns Nasobem "noch nicht im Meyer / und auch im Brockhaus nicht", und was in diesem Fall noch bedenklicher ist, auch nicht im ausführlichsten griechischen Wörterbuch. Der Knochen-Wegner, dieser "derbe Grobian", hatte es offensichtlich so frech wie frei erfunden und den selbstgefälligen Chef und Examinator geradeso unbarmherzig durch das kleine Etymologicum rasseln lassen wie jener den unglücklichen Kandidaten durch das Kreisphysikusexamen.

Tatsächlich kommt das "Serum" eben doch aus dem Lateinischen, wenn auch nicht, wie Virchow es wollte, von einem Adjektiv serus, sera, serum: Da gibt es nur eines mit einem langen "e" und der Bedeutung "spät, zu spät", und von dem führt wohl ein schnurgerader Weg zur abendlichen "Soiree", doch kein noch so krummer zum "Serum". Hinter dem Blut-"Serum" steht vielmehr ein lateinisches Substantiv serum mit einem kurzen "e", das im klassischen Latein die "Molke" oder das "Käsewasser" bezeichnet und erst in jüngerer Zeit vom wässrigen Bestandteil der geronnenen Milch auf den wässrigen Bestandteil des geronnenen Bluts übertragen wurde. Irgendwie muss das nahegelegen haben: In Platons "Timaios" findet sich das sprachverwandte griechische Substantiv óros einmal geradeso vom Käsewasser aufs Blutwasser übertragen; doch geht die jüngere Uebertragung offenbar nicht auf diese ältere zurück.

Und was ist nach dem freimütigen Armutszeugnis des Kollegenzirkels beim Fakultätsdiner aus dem armen Kandidaten geworden, der doch gut sokratisch im Unterschied zu seinem Examinator in Sachen "Serum" wenigstens das Eine wusste, dass er nichts wusste? Für ihn gab es, wie Carl Ludwig Schleich uns noch bezeugt, ein Happy End: Der so unverfroren blossgestellte und zugleich genasführte Virchow liess den Neffen des Kollegen notgedrungen noch einmal zur Kreisphysikusprüfung antreten, zerriss das alte Zeugnis, prüfte ihn noch einmal und schrieb ein neues Zeugnis aus: "Mit 1 bestanden. Virchow".

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster