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Symptom

Einem "Symptom" wie zum Beispiel dem vergleichsweise harmlosen einer tropfenden Nase rückt man besser nicht mit philologischem Sezierbesteck zu Leibe; das wäre gelinde gesagt wenig ermutigend. Das Kopfstück "Sym-" oder "Syn-" bedeutet bekanntermassen "Zusammen-"; aber wer dann etwa in dem klassischen Oxforder "Greek-English Lexicon" von Liddell und Scott unter dem Stichwort ptóma nachschlüge, fände dort als Erstes: "Fall, Sturz (einer Stadt, eines Kämpfers)", als Zweites: "hingestreckter Leichnam", als Drittes: "Ruine (einer Mauer, eines Hauses)", als Viertes: "Schuld, die zur Zahlung fällig wird". Deutet ein "Symptom" dann gleich auf Zusammenfall, Zusammenbruch, Verfallsdatum?

Keine Sorge; das von dem Verb sympíptein, "zusammenfallen", abgeleitete sýmptoma meint nicht das Zusammenfallen, mit dem eine Mauer oder ein Haus in sich zusammenfällt, sondern das andere Zusammenfallen, das wir im Deutschen nach der lateinischen Lehnübersetzung accidere, "zufallen", in einer anschliessenden Lehnübersetzung "Zufall" nennen. Da fällt nicht ein und dasselbe Ding in sich selbst zusammen, da fallen zwei verschiedene Dinge an einem Ort und zu einer Zeit zusammen wie in dem klassischen Exempel von dem Ziegelstein, der irgendwo "zufällig" vom Dach herunterfällt, und dem Passanten, der ebenda geradeso "zufällig" vorüberkommt.

Soweit bezeichnet das griechische sýmptoma irgendetwas, das uns so oder so "zufällt", das uns im glücklichen Fall in den Schoss oder im unglücklichen Fall auf den Kopf fällt, mit unserer Lehnübersetzung: einen glücklichen oder einen unglücklichen "Zufall". Der weitere Weg des Wortes führt über die philosophische, wissenschaftliche Terminologie. In der Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. hatte Aristoteles von den gemeinsamen Merkmalen einer Gattung oder einer Art mit einem neuen Terminus die symbebekóta, wörtlich: die "mitgehenden, beiläufigen" Besonderheiten einzelner Individuen unterschieden, und gegen Ende dieses 4. Jahrhunderts hatte Epikur in anderem Zusammenhang jenen symbebekóta als fortdauernd "mitgehenden, beiläufigen" Erscheinungen mit einem zweiten neuen Terminus die symptómata als lediglich vorübergehend "zufallende, zufällige" Erscheinungen gegenübergestellt.

Diese Unterscheidung kam quer über die Fakultäten hinweg zumal der Medizin vortrefflich zupass. Nun konnte man, um beim Beispiel zu bleiben, eine lange oder kurze, spitze oder stumpfe Nase unter die auf Dauer "mitgehenden, beiläufigen" symbebekóta, die individuellen Besonderheiten, zählen, eine tropfende Nase dagegen unter die auf Zeit "zufallenden, zufälligen" symptómata, die vorübergehenden Krankheits-"Symptome". In diesem Sinne hat die Aerzteschule der "Empiriker", die methodisch auf den "Dreifuss" aus eigener Erprobung und Erfahrung, Erkundung fremder Erfahrung und dem Analogieschluss von Bekanntem auf Unbekanntes setzte, im 3. Jahrhundert v. Chr. das "Symptom" in die Medizin eingebracht; es liegt auf der Hand, wie sehr gerade diesen erklärten "Empirikern" an einer peinlich genauen Abgrenzung individueller Besonderheiten und krankheitsbedingter "Symptome" liegen musste.

Also kein Zusammenfall, kein Zusammenbruch, kein Verfallsdatum, im Gegenteil: Jedes einzelne solche "Symptom" wie Schnupfen oder Husten, Halsweh oder Kopfweh, Fieber oder Schüttelfrost deutet schon vom Wort her auf Genesung und Gesundung, und so erst recht jede ganze - damals auch neu aufkommende - syndromé, jedes ganze "Syndrom", wörtlich: jeder "Zusammenlauf" solcher Symptome zu einem ausgeprägten Krankheitsbild. Alle diese derart vorübergehend "zugefallenen" Symptome und alle diese wer weiss woher "zusammengelaufenen" Syndrome sollten doch wohl per definitionem von dem so befallenen Kranken über kurz oder lang wieder abfallen und sich wer weiss wohin wieder verlaufen!

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster