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Republik

Wer ein empfängliches Ohr für derlei Anklänge hat, wird aus der "Republik" zunächst einmal das "Öffentliche" heraushören: Das grosse "Publikum" klingt da an, die Public relations, die "Öffentlichkeitsbeziehungen", die "Publikation" und die "Publizistik". Und wer jemals in der Schule sein "amo, amas, amat ..." gelernt hat, wird hinter dieser "Republik" sogleich die lateinische res publica hindurchscheinen sehen. Das Substantiv res bezeichnet irgendeine "Sache", das Adjektiv publicus bedeutet geläufig "öffentlich"; die Römer nannten ihren Staat römisch nüchtern die "öffentliche Sache". Im Zuge dieses Wortgebrauchs sprechen wir ja auch von "öffentlichen Einnahmen und Ausgaben" und der "öffentlichen Hand", die da einnimmt und ausgibt.

So weit, so gut; doch wenn wir unsere "Republik" und diese lateinische res publica vollends beim Wort nehmen wollen, so müssen wir noch einen Schritt darüber hinausgehen. Denn eigentlich, von Hause aus, heisst publicus im Lateinischen gar nicht "öffentlich": Wie hinter dem deutschen Adjektiv "öffentlich" das andere Adjektiv "offen" steht, so hinter dem lateinischen Adjektiv publicus das Substantiv populus, "Volk". Von diesem lateinischen Hintergrund her verstanden ist die res publica gar nicht eine "öffentliche Sache" im Gegensatz zu irgendeiner nicht-öffentlichen, sondern vielmehr eine "völkische Sache", die "Sache des Volkes" im Gegensatz zu der eines noch so fürsorglichen Königs, einer privilegierten Klasse oder einer politischen Partei.

Auch das Grundwort populus, "Volk", lebt in unserem Fremdwort- und Lehnwortschatz ja vielfach fort: Auf das Substantiv populus selbst geht der marktschreierische, opportunistische "Populismus" und der noch weiter ins Despektierliche abgerutschte "Pöbel" zurück, auf die Ableitung popularis die "Popularität" und das "Popularisieren", die "Pop-Musik", die "Pop-Szene" und sonst alles "Poppige" - mit Ausnahme des "Popcorns": Das hat seinen Namen nicht von seiner Volkstümlichkeit, sondern weil es überm Feuer in der Pfanne so "poppt" und "pufft".

Im ersten Buch seines politologischen Dialogs "De re publica", "Ueber den Staat", leitet Cicero das Verständnis des Staates unmittelbar aus der Erklärung des Wortes ab. "Est igitur res publica res populi ...", lässt er den jüngeren Publius Cornelius Scipio Africanus dort beginnen: "Es ist also der Staat die Sache des Volkes ..." "Res publica" - "res populi", "der Staat - die Sache des Volkes": das fällt im Lateinischen mit dem einprägsamen Gleichklang einer Figura etymologica in die Ohren, und das klang für Cicero und seine Zeitgenossen noch so selbstverständlich wie nur irgend etwas. Die Ciceronische Definition ist im Lateinischen ja fast eine Tautologie wie der doppelt gemoppelte "weisse Schimmel" oder der "schwarze Rappe".

Mittlerweile ist das ursprünglich so vernehmlich sprechende Wort für uns verstummt. In Uebersetzungen aus dem Lateinischen wird die res publica regelmässig mit der vergleichsweise blassen Entsprechung "Staat" wiedergegeben oder vielmehr nicht "wiedergegeben", und aus der "deutschen Bundesrepublik" hört auch der hellhörigste Bürger im alltäglichen Sprachgebrauch nicht mehr als einen "deutschen Bundesstaat" heraus. So weit ist die eigentliche Bedeutung des Wortes in Vergessenheit geraten, dass in einer Deutschen Demokratischen "Republik" der Souverän mit dem Ruf "Wir sind das Volk" die Machthaber erst noch darauf aufmerksam machen musste, dass es ihn immerhin noch gibt. Unser "Staat" ist übrigens ein direkter Abkömmling jener res publica: Wie der französische état, der englische state und der italienische stato ist er aus einem schon Ciceronischen status rei publicae, einem besseren oder schlechteren "Zustand der öffentlichen Sache", hervorgegangen. Kein Wunder, dass der jeweilige "Zustand" des Staates am Ende den Staat selbst bezeichnen konnte: Je besser es um diesen schwankenden "Zustand" oder, medizinisch gesprochen, geradezu den "Status" eines Staates bestellt ist, je stabiler und stattlicher ein Staat nach innen und aussen dasteht, desto besser ist mit einem solchen "Staat" ja, wie wir sagen, "Staat" zu machen.

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster