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Salär

Wenn die Arbeit eine buntgewürfelte Minestrone ist, dann ist das Salär, das wir dafür beziehen, buchstäblich das Salz in der Suppe. Ja, so unwahrscheinlich es scheinen mag: In dem französischen salaire, dem süddeutschen und schweizerdeutschen "Salär" und dem angelsächsischen salary steckt tatsächlich ein lateinisches sal, stammverwandt und gleichbedeutend mit unserem "Salz": Die Salärtüte ist eigentlich ein Salzfass.

Die Wortgeschichte des "Salärs" beginnt in der römischen Republik des 3. und 2. Jahrhunderts v. Chr., in einer Zeit, da die noble politische Klasse auf eine staatliche Besoldung nicht angewiesen war, ja ein gewöhnliches Monatsgehalt eher als despektierlich empfunden hätte. Entsprechend bezogen die römischen Provinzialbeamten in Ciceronischer Zeit, um die Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr., lediglich allerlei Aufwandsentschädigungen wie Ausstattungskosten, Tagegelder oder Wegegelder. Immerhin konnte der Provinzstatthalter seinem militärischen und zivilen Gefolge darüberhinaus mehr oder weniger üppige Gratifikationen zusprechen: ein nach dem congius, einem Drei-Liter-Mass, so genanntes congiarium, ein "(Drei-Liter-) Weingeld", und ein nach dem sal, dem "Salz", so genanntes salarium, ein "Salzgeld".

Die sprechenden Haushaltstitel deuten zurück auf die guten oder - je nachdem, wie man's sieht - schlechten alten Zeiten, in denen jenes congiarium wirklich noch wirklicher Wein und jenes salarium wirklich noch wirkliches Salz gewesen war. Als im 3. Jahrhundert v. Chr. die ersten Provinzen eingerichtet wurden, gab es für die dort diensttuenden Offiziere und Magistraten zunächst ausschliesslich Naturalleistungen. Für das Notwendige wie Unterkunft, Verpflegung und Transport hatten die Gemeinden zu sorgen. Dazu kamen dieses Extra-Fässchen Wein und dieses Extra-Säckchen Salz, traditionelle, gewiss mit dem gehörigen feierlichen Zeremoniell überreichte Ehrengaben, mit denen der Prokonsul oder Proprätor seinen Provinzialbeamten den sauren, faden Dienst fern der Hauptstadt symbolträchtig süsste und salzte. Im früheren 2. Jahrhundert v. Chr. rühmt sich der für seine Sparsamkeit berüchtigte alte Cato, er habe seinen Leuten niemals anstelle eines Weinkrugs ein Stück Silber in die Hand gedrückt; zu der Zeit muss die Umwandlung des herkömmlichen Wein- oder Salzgeschenks in ein grosszügiges Geldgeschenk, eben jenes congiarium oder salarium, schon weit verbreitet gewesen sein.

Im Zuge der Neuordnung des Staates durch Kaiser Augustus fielen die von Provinz zu Provinz schwankenden Entschädigungen weg und so auch die mehr oder weniger gesalzenen Gratifikationen; stattdessen gab es für die höheren Kader, die jetzt nicht mehr allesamt Sesterzen-Milliardäre waren, fortan einheitliche fixe Jahresbesoldungen. Was blieb, war der ehrenwerte alte Haushaltstitel, das salarium: Die so genannten honestiores, die Personen höheren Standes, liessen sich nun einmal lieber mit einem solchen "Salzgeld" beschenken als mit einem gewöhnlichen Monats- oder Jahreslohn bezahlen. Und weil es so schön klang, wurden bald auch die im Staatsdienst tätigen Aerzte und Rhetoren, einmal auch ein Wasserorgelspieler, und in deren Gefolge dann auch die privat tätigen Aerzte und Rhetoren zu solchen noblen salariarii, "Salzgeldempfängern" - nicht zu verwechseln mit den gewöhnlichen salarii, den "Salzfischhändlern".

Das "Salz" und das "Salär": die beiden Wörter sortiert unser Sprachzentrum heute, dem deutlichen Anklang zum Trotz, unbesehen in zwei verschiedene Kästen: Das Salz gehört in die Suppe und das Salär aufs Konto. Wer trägt denn auch Salz auf die Bank? Oder wer steckt sein Salär ins Salzfass? Das "Salär" ist für uns zu einem stummen, faden Wort geworden. Und doch: Gegenüber dem gewöhnlichen "Lohn" hat dieses sozusagen im Geheimen gesalzene "Salär" seinen besonderen Klang und seinen besonderen Rang über die Jahrtausende hinweg bis heute behauptet. Es ist wohl wie bei jener buntgewürfelten Minestrone: Man schmeckt das Salz auch wenn man nicht dran denkt.

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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